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My gender is music

19.03.08 DJ Resom über Weiblichkeit hinter den Technics

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Als ich sie 1998 kennenlernte, da war immer wieder dieses Funkeln in ihren Augen, wenn sie mein DJ Pult sah und eines Tages schleppte sie ihre Vinylsammlung bestehend aus Punk-, Gitarren- und Drum&Bass Platten zu mir und mixte ihre und meine Sachen einfach wild ineinander.
Sie hatte am Auflegen Blut geleckt und kaufte sich nun ausschließlich elektronische Platten.

An einem Abend, an dem ich in der Leipziger Südvorstadt das Cortex beschallte stellte sie sich nach einigen Cocktails einfach hinters Pult und legte los.
Platten, die eigentlich auf 45 rpm liefen, spielte sie bei 33 rpm ab und andersrum.
Das resom war geboren und von Jahr zu Jahr wurde sie besser.
Im Ilses Erika spielte sie mich bei unserem letzten gemeinsamen Mixgewitter locker an die Wand.

Hier ist ein Text von ihr, den sie für die CD Now that i am schrieb.

ich
bin dj. ich bin frau. oder:
ich bin frau. ich bin dj.

vor einigen jahren schrieb ich für ein kleines, heute nicht mehr existierendes leipziger szene-mag einen artikel über die arbeit des leipziger frauenmusiknetzwerkes propellas. es wurde ein artikel mit viel frustauswurf und überspitzten beispielen über das verhalten von männern gegenüber musikaktiven frauen innerhalb der clubszene. und es ist einer von vielen texten über das für frauen oft leidige thema: warum gibt es so wenige female djs in den clubs?

das szenario damals: was passiert, wenn ich als frau an die plattenspieler trete? werde ich ausgelacht? werde ich mit bierflaschen beworfen? oder bekomme ich: "ausziehen!" zugerufen? oder wird auf meine fähigkeiten extra auge und ohr geworfen, weil ich eben eine frau bin und das auch nicht verstecke, aber auch nicht hervorhebe? keine flasche flog. kaum etwas von meinen befürchtungen ist eingetreten. die rufe richtung pult lauteten eher: "dj, gib alles!" oder ganz einfach: "vorwärts!" männliche kollegen kamen genauso auf mich zu wie die ladies, wenn oft auch wesentlich schüchterner. "ich habe noch nie mit einer frau aufgelegt. wow! du machst das toll." oder: "ich finde frauen können viel besser auflegen". - geschlechtsbezogene vorurteile? auf jeden fall, aber immer noch angenehmere, als andere djs zu hören bekommen: "das sind doch die platten deines freundes, oder?", "darf ich dir die plattentasche zum taxi tragen, die ist doch viel zu schwer für dich!" oder: "die legt ja nur auf, weil sie gut aussieht. die hat doch exotenbonus." solche urteile kommen ausdrücklich auch von frauen! es sind stereotype ansichten, z. b. in form von positiven (selbst)- diskriminierungen und die sind eben bequem, sitzen hartnäckig in unseren hinterstübchen und sind gerne überall schnell zu hand……

es ist zeit für einen "normalzustand", in dem frauen gleichberechtigt und selbstverständlich neben ihren kollegen im club arbeiten, egal ob als dj, produzentin oder technikerin. frauen wollen nicht nur an der garderobe, an der klotür oder hinterm tresen in erscheinung treten.

und deshalb: die damals aufgestellte forderung nach mehr förderung von frauen in der musik(szene) bleibt bestehen. es ist die aufgabe aller, hier für chancengleichheit zu sorgen, die nicht immer wieder aufs neue verhandelt werden muss. dass wir in unseren urbanen, "aufgeklärten" szenekreisen, in unseren elfenbeintürmchen emanzipatorische errungenschaften genießen können, heißt nicht, dass wir uns darauf ausruhen können. uns muss vor augen bleiben, dass davon nicht alle profitieren. in den großraumdiskotheken und mainstream- clubs sieht es nämlich ganz anders aus: wenn frauen überhaupt auf der bühne stehen, dann oft allein wegen ihrer "körperlichen reize" oder im krassesten falle gleich ganz oben ohne. einer von vielen aspekten, an dem deutlich wird, dass da noch ganz viel arbeit wartet!

wichtig ist aber: es gibt frauen, die pionierarbeit geleistet haben. forderungen nach gleicher entlohnung oder "don’t touch me!"- ansagen gehören an diesem punkt zusammen. davon profitieren viele dj-ladies. ein knotenpunkt für female artists ist die auf dem internet basierende globale plattform female:pressure, die musikerinnen auf ihrem weg unterstützt.

wer wissen will, welche frau in der eigenen region was, wo und wann auflegt, der kann auf www.femalepressure.net entsprechende suchkriterien eingeben und bekommt meist das überraschende ergebnis: "hey, tatsächlich, hier gibt’s ja sogar mehr als eine dj. mensch die hat ja sogar mal ne platte gemacht." alle frauen, die bei female:pressure eingetragen sind, finden sich automatisch in einer gemeinsamen mailingliste wieder. die plattform versteht sich als community und austausch findet rege statt, wenn auch v.a. zum anpreisen eigener veranstaltungen oder neuer releases oder dj-sets. das stärkt nicht nur den gebeugten dj-rücken, auch freundschaften entstehen über female: pressure.

die unterschiedlichkeit der frauen bei female:pressure wird deutlich, wenn z.b. die korrekte bezeichnung einer dj diskutiert wird. was sag ich denn zu dir und in welcher sprache? und wie will ich selbst genannt werden? dj? dja? djane? djette? she-dj? female dj?

braucht es überhaupt eine besondere bezeichnung? wird nicht gerade damit der oben angesprochene "exotenbonus" aufrecht erhalten? warum soll sich meine dj-rolle immer wieder als besonderheit anfühlen? was zählt, ist die liebe zur musik. und die ist geschlechtsunabhängig………….

es dreht sich dann aber doch nicht alles um musik: viele meiner kolleginnen werden anders behandelt als die männlichen kollegen. mann nimmt sich unter einander ernster, mann klüngelt unter sich, mann wird anders entlohnt. frauen bleibt oft nichts anderes übrig, als sich über ihre gemeinsamkeit, frau zu sein, zusammenzuschließen. damit bleibt die geschlechterdifferenz erhalten. verantwortlich ist dafür nicht nur, dass wir so geprägt wurden, sondern auch der fehlende wille zur veränderung.

auch deshalb ist diese cd wichtig, weil sie das alles aufs tablett bringt. und weil sie ein augenmerk auf die präsentation regionaler acts legt. tatsächlich ist es gelungen, von frauen produzierte stücke aus mehreren städten der region aufzutreiben und dabei das geschlechterverhältnis aller beteiligten möglichst ausgeglichen zu gestalten. das geht sicher nicht immer, aber ein anfang ist geschafft. auch wenn die anzahl der beteiligten frauen im ausgeglichenen verhältnis ist, sind trotzdem überwiegend stücke von männern auf dieser cd.

doch mehr ist möglich! das ziel der diskussion muss die aufhebung von geschlechtlicher dualität sein, und die gibts nur mit einer abschaffung überkommener rollenvorstellungen: frauen sind nicht männer und männer nicht frauen, sondern menschen mit individuellen fähigkeiten.

my gender is music. what is yours?

femalepressure.net

www.myspace/resoms

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