Instrumental

Ich und meine 1210er

03.12.09 Sie hielten länger als andere Beziehungen

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Letzte Woche zwitscherte das Gerücht durch die Netzwelt, dass nächstes Jahr wohlmöglich der letzte legendäre Technics Plattenspieler mit dem Kürzel 1210 vom Band rollen wird.
Noch immer ist nicht ganz klar, ob die Nachricht wahr, halbwahr oder gar lediglich ein Hoax ist und während einige in Wehmut ausbrechen bzw. jedem CD/Laptop DJ das musikalische Existenzrecht absprechen, habe ich meine eigene Beziehung zu den Direktantriebswunderdingern aus dem Hinterstübchen gekramt.

Anfang der 90er Jahre kaufte ich mir nach dem Besuch diverser Raveveranstaltungen zwei SL-1210MK2. Das Auflegen an Sich sah sehr einfach aus und schien den DJs sichtlich Spass zu machen. Platte auf den Teller legen, Beats angleichen, den richtigen Moment abwarten, Reinziehen, Mixen, andere Platte runter nehmen und wieder in die Plattenkiste stellen. Die Szenegrössen und Lokalmatadore zelebrierten diesen Kreislauf bis zum üblen Morgengrauen. Ich war dermassen von der Coolness der analogen Musikbeschallung angefixt, dass ich trotz Wutanfälle meiner Eltern das Sparbuch plünderte und das übliche DJ Equipment in Form von zwei Technics, einem Mixer (Pro Accoustic) plus einem Kopfhörer (Sennheiser) von einem symphatischen Paketboten entgegennahm.

Aufgrund meiner anfänglichen und naiven "Alles muss Underground sein" Theorie räumte ich unseren Keller um, werkelte ein undergroundigen Turntable zusammen und fühlte mich angesichts meines eigenen Privatundergroundclubs grossartig.
Die Berlinbesuche führten mich in die Vinylverkaufsoasen Hardwax und Delirium.
Beim Erstehen etlicher grossartiger als auch bescheidener Krachplatten wurde mir nahegelegt, meine Teller zu tunen. Also schraubte ich die 1210er auf, staunte über den Antlitz der technischen Innereien und drehte die blaue Schraube auf Anschlag. Nun liessen sie sich bis +16 % hochpitchen. Es wummerte anständig im Kellerloch und meine glorreiche DJ Karriere nahm ihren Anfang.

Seitdem liefen die "Besten Teller aller Zeiten" Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ich schleppte die Dinger auf Partys, sie wurden mit Bier getränkt, mit Asche übersät und einmal beinahe von der Polizei beschlagnahmt.
Mein Musikgeschmack und mein Wohnort änderten sich, die anthrazid schwarzen Abspielmörderteile blieben. Sie drehten sich über Jahre und wurden mehrmals aufgeschraubt, weil die blöden Chinchkontakte brachen. Lötkolben und Lötzinn machten alles wieder gut.

Einmal donnerten beide brachial zu Boden, weil sich meine damalige Freundin auf die wackelige Turntable Konstruktion stützte. Ein Concord Nightclub E -Nadelsystem verabschiedete sich daraufhin, die Beziehung zur Übeltäterin ging in die Brüche, doch die Teller blieben heil. Die beiden 1210 waren im Gegensatz zu meinen Beziehungen beinahe unkaputtbar. Jedenfalls bildete ich mir das ein, bis ein Tonarm nach 14 Jahren das Zeitliche segnete.

Noch heute läuft ein Teller beinahe problemlos, während der andere wie zu Anfangszeiten im Keller schmachtet. Gut, der Pitchfader des Funktionstüchtigen läuft nicht mehr ganz sauber und das gute alte Kabelbruchproblem kündigt sich an, aber was solls. Meine Tochter findet den 1210er richtig klasse, weil selbst Kinderhände problemlos die Märchenplatten scratchen können und es spooky klingt, wenn der Frosch bei 45RPM und +16 so herrlich quarkt und es ein Höllenvergnügen ist, die Geschwindigkeit von Traumzauberbaum auf Berg und Talbahn zu schicken.

Sollte der letzte 1210 wirklich 2010 vom Band rollen, dann war es das eben mit einer Legende. Ich werde aus reinem Pflichtbewußtsein kurz aufheulen und die ersten Platten, die auf meinen Tellern liefen rauskramen und abspielen. Dann werde ich mich wieder LIVE zuwenden und ohne analoge Gefühlsduselei was Digitales brauen.

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